Die Scharlatane sind zurück
Selbst wenn es nicht zu den Kerngebieten meines derzeitigen Berufslebens gehört, erinnere ich mich gerne an meine akademische Ausbildung. So habe ich an meiner Alma Mater, der Freien Universität Berlin, im Rahmen meiner Ausbildung im Bereich Personalpolitik durch Frau Prof. Dr. Gertraude Krell viel gelernt. Besonders haben mich immer Methoden der Personalauswahl interessiert. Es ist für mich auch jetzt noch spannend, mich mit Methoden auseinanderzusetzen, die der Erhebung des Eignungsgrades und der Kompetenz eines potentiellen Angestellten und damit der Minimierung von Risikofaktoren für Firma und Angestellten wie etwa mangelnde Kompatibilität und daraus hervorgehend geringe Produktivität dienen. Erschreckend erkenne ich jedoch von Zeit zu Zeit, dass immer wieder unwissenschaftliche Methoden verbreitet werden, die nach herrschender Meinung wohl eher ins Reich der Scharlatanerie gehören. Bekannt ist sicher vielen die Graphologie, die den Anspruch erhebt, aus der der Analyse der Eigenschaften der Handschrift, Hinweise auf psychische Erkrankungen, generelle psychische Konstitution und Details des „Lebensweges" ableiten zu können.
Ein anderes besonders perfides Beispiel findet sich derzeit auf der Website der Firma Facionic (http://www.facionic.com/)
Facionic behauptet, dass sie in der Lage seien, die Potentiale eines Menschen auf Basis von
uralten Lehren, die besagen, dass sich das Wesen eines Menschen in seinem Gesicht widerspiegelt
beurteilen zu können.
Die hier genutzte sog. "Psycho-Physignomie" ist ein Teil der Körperdiagnostik, die von Carl Hutter begründeten "Wissenschaft der Deutung von Körper-, Kopf- und Gesichtsausdruck". Sie versucht aus bestimmten Merkmalen eines Menschen in Aussehen, Körperform, Körperbau und den Gesichtszügen zu erkennen, welche Anlagen und Talente dieser hat. Dies vermittelt auch Facionic. So ist eine Aussage, welche Facionic über eine Dame trifft, welche eine kostenpflichtige Analyse bei diesem Unternehmen gebucht hat,:
Mit dieser Nase: ideale Pädagogin.
Ich denke, dass es gefährlich ist, wenn solche Dinge immer weiter Verbreitung finden. Sie nutzen die Unerfahrenheit von Menschen aus und gaukeln durch scheinbare Wissenschaftlichkeit eine Objektivität ihrer Maßnahmen vor. Die leichtgläubigen Nutzer stützen dann Ihre existenziellen Entscheidungen - Facionic schlägt sogar die Nutzung zur Kindererziehung vor - auf Analysen, die eher Jahrmarktqualität haben.
Sollte doch jemand Gefallen an diesem Verfahren finden, welches aus den großen Ohrläppchen eines Menschen seine materielle Orientierung zu erkennen glaubt, dem empfehle ich ebenso die Ableitung von Charaktereigenschaften aus seinem Namen auf Basis der Karma Kabbalistik, eine Durchführung des Lüscher Tests und nicht zuletzt die Auseinandersetzung mit der Phrenologie. Bei letzterer empfehle ich durchaus die Lektüre von Dr. Paul Julius Möbius: "Über den physiologischen Schwachsinn des Weibes" (Halle, 1903). Wobei ich nicht sicher bin, ob dieser Text erschreckend oder erheiternd ist. Ich fürchte, dies hängt stark vom Bildungsstand des Lesers ab.

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