
Sonntag gehörten wir zu dem erlauchten Kreis der Freikartengewinner für das Spiel Berlin Thunder gegen Hamburg Seadevils. Das ganze war als großes Spektakel angekündigt und so zog es uns schon am frühen Nachmittag zum Olympiastadion, um auch die Stimmung auf den „Fanfest“ einzufangen. Doch vielmehr als das sportliche Ereignis lockte es mich festzustellen, ob es mir gelänge ein ganz bestimmtes Gefühl aus meiner Jugend wieder aufleben zu lassen.
Ich bin ein Kind des kalten Krieges. Aufgewachsen in der Frontstadt Berlin der 70er und 80er Jahre des letzten Jahrhunderts. Die ständige Bedrohung des russischen Bären, der die SBZ in seinen Klauen hielt vor Augen. In dieser Zeit waren die amerikanischen Befreier omnipräsent in meinem Alltag. Morgens um sieben fuhren die Panzer unter meinem Fenster vorbei und um halb acht trieb der Drillinspector seine Mannen laut singend durch die Straße, während ich auf den Bus zur Schule wartete. Ich war immer wieder überglücklich, wenn es gelang Kostbarkeiten aus dem PX zu ergattern (lila Kaugummis mit „Grape“ Geschmack). Einer der Höhepunkte des Jahres war auch immer das Deutsch-Amerikanische-Volksfest, dass immer mit viel Einsatz unserer amerikanischen Freunde ausgerichtet wurde. Meine Radiosender waren RIAS und AFN, Sonntags stand ich früh auf um im amerikanischen Fernsehen Cartoons zu gucken (schwarzweiss, denn unser Fernseher war nicht NTSC tauglich). Um es also zusammenzufassen: Amerika war cool! Alles aus, von und über Amerika war großartig.
Jetzt bin ich fast vierzig, die Mauer ist gefallen, die UdSSR gibt es nicht mehr, kein kalter Krieg und die Amerikaner haben zusammen mit den Briten und den Franzosen, meine Heimatstadt verlassen. Aber den American Football haben sie dagelassen. Also ging ich hin und war neugierig.
Die erste Erfahrung war die Feststellung, dass wir hier keine berliner Mannschaft sehen. Im Gegensatz zu den Berlin Adlern, besteht die Mannschaft von Berlin Thunder aus Amerikanern, die für eine Saison an die europäische Liga ausgeliehen werden. Sie leben im Hotel, trainieren und fliegen dann alle wieder nach Hause. Einer der Spieler wurde gefragt, wie ihm denn Berlin gefiele. Er antwortete, dass er viel gesehen hätte. Er hätte das Olympiastadion besichtigt und sei bei einem Fototermin auf dem Funkturm gewesen. „Great city, I love it!"
Dann begann das Spiel. Naja eigentlich nicht, denn erstmal sprangen Basejumper ins Stadion, liefen halbnackte Mädchen über die Wiese und die Nationalhymnen wurden gesungen. Die deutsche und die amerikanische. Spielbeginn. Jetzt begann ein sich ständig wiederholender Reigen gleicher Ereignisse: viele Menschen bewegen sich für ein paar Sekunden, Pause, der Schiedsrichter tönt eine Entscheidung auf Englisch durch die Lautsprecher, halbnackte Mädchen tanzen und wieder von vorne. Uns wurde das ein wenig zu langweilig und so verließen wir ein wenig enttäuscht das Stadion.
Eigentlich hat mich das ganze Bremborium sogar ein wenig verärgert. Es war eine synthetische Kunstwelt. Die Spieler gehören zu keinem Verein und schon gar nicht zu Berlin Thunder. Sie sind keine Identifikationsfiguren, die zur Stadt gehören und geben sich auch keine Mühe, dazu zu werden. Die Liga ist keine. Kein Verein kann ab- oder aufsteigen. Es ist kein echter Wettkampf. Wieso wird bei einem Spiel Hamburg gegen Berlin die amerikanische Nationalhymne gesungen? Die hat da nichts zu suchen. Oder spielen wir beim Tischtennis immer die chinesische? Beim Schach die persische und beim Fussball die englische? Wieso spricht der Schiri vor tausenden Zuschauern nur Englisch?
Dieser Event war das Paradebeispiel für arrogantes Aufdrücken von amerikanischen Lebensweisen auf die europäische Kultur, ohne den Versuch der Integration ohne Respekt. Als ich zwölf war hätte ich es geliebt. Wie gut, dass ich seitdem was gelernt habe.