Restat iter caeli: caelo tentabimus ire

20.10.06

Was weißt Du?

Als ich begann, mich zu bilden, da gab es einen Grundsatz: "Du musst es wissen". Diesem Grundsatz hatten wir alle zu folgen und dem bin ich im wesentlichen treu geblieben. Es machte das Lernen einfach. Wenn ich etwas nicht wusste, dann konnte ich fragen und bekam eine Antwort.

Doch dann begegnete ich Menschen, die einen anderen Weg beschritten: "Du musst es nicht wissen, sondern wissen, wo es steht". Gut und schön, das hatte für mich nur einen Nachteil: wenn ich etwas wissen wollte, dann bekam ich keine Antwort, die mir weiterhalf, sondern - wenn mein Gegenüber ein entgegenkommender Mensch war - entweder eine Bitte um Aufschub oder - wenn er ein abweisender Mensch war - eine Quellenangabe. So erweiterte ich zwar letztendlich mein Wissen, doch es dauerte länger als früher.

Noch ein wenig später. Mein Leben begann sich in Organisationen und Hierarchien zu bewegen. Dort begegnete ich dem dritten Archetypus. Dieser ist meist in höheren Sphären der Glas- und Stahlpaläste anzutreffen. Es ist der Mensch, der es nicht weiß. Der Mensch, der auch nicht weiß, wo es steht. Aber er weiß, wer es weiß. Dieser Mensch ist jedoch dass Opfer einer Illusion. Denn der, von dem er denkt, dass er es weiß, ist in der Regel einer, der weiß, wo es steht. Bedauerlicherweise ist dieser auch oft der, der Arbeiten koordiniert, organisiert und strukturiert, sie in der Regel aber nicht selbst erledigt. Somit wird dieser auch nicht selber nachschlagen und recherchieren. Dieser Mensch sitzt nun zwischen den Stühlen. Er kann nicht ohne weiteres die Quellenangabe an „den-der-weiß-wer-es-weiß“ weiterleiten. Damit würde er ja zugeben, dass er es nicht weiß, sondern nur weiß, wo es steht. Das wäre aber seinem Status als „Einer-der-es-weiß“ (und damit seinem Eckbüro, Dienstwagen und Bonus) sehr abträglich. Allerdings hat er auf der Leiter der Hierarchie inzwischen zumindest die silbernen Stufen erklommen. Er sieht sich also durchaus in der Lage, einen zu finden, der es weiß. Oder vielmehr einen zu finden, von dem er die Illusion hat, dass dieser es weiß. Denn in sehr vielschichtigen und verwinkelten Organisationen ist dies oftmals wieder jemand, der nur weiß, wo es steht. Einer, der dann in der gleichen Zwickmühle steckt, wie der ihn Fragende. So bildet sich also eine Fragespirale aus Unwissenden und Illusionierten, die selbiges kaschieren und die Informationsbeschaffung delegieren. (Könnt Ihr mir soweit folgen?)

Wo endet nun diese Spirale der Illusion? Sie endet bei mir. Bei dem, der es weiss. Bei dem, der die Arbeit macht. Könnte man daraus folgern, dass alle, die zwischen mir und „dem-der-weiß-wer-es-weiß“ (obwohl er es gar nicht weiß) entbehrlich und überflüssig sind? Oder ist es die beschriebene Spiralbewegung, die soviel Wind erzeugt, dass sie die Segel aufbläht und uns so alle vorwärts treibt?

Ich weiss es nicht, ich weiss auch nicht, wo es steht und kenne auch niemanden, den ich fragen könnte.

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