Die Telefonzicke
Ich saß letzte Woche im ICE von Frankfurt nach Berlin. Natürlich ein verspäteter Zug, dass ist klar. Der Ansager am Bahnhof sagte schon, dass der Zug sich um eine halbe Stunde verspäten würde. Solche glatten Zahlen machen mich immer ein wenig misstrauisch. Wenn er gesagt hätte, dass der Zug 23 Minuten später käme, dann hätte ich geglaubt, dass er weiß, wovon er redet. Zu sagen, dass es eine glatte halbe Stunde sei,ist doch dass gleiche als würde er sagen "mal ehrlich, ich hab keine Ahnung wieso so ein Klotz Metall sich überhaupt auf den Schienen bewegen kann"
Naja, ich war schon ein wenig angepiekst, denn es war heiß, ich hatte zu wenig geschlafen, ein halber Schokoshake von Mc Donalds, den ich mir als Ausgleich für die Verspätung gönnte, klebte auf meiner Hose und das Seminar von dem ich kam war ziemlich anstrengend. Fakt war: ich wollte meine Ruhe, wollte mich in meine Sudokus versenken und nichts von meiner Umwelt wahrnehmen. Wie gesagt, ich war gereizt. Und da passierte das was ich am allerwenigsten gebrauchen konnte. Die Frau mir gegenüber entpuppte sich als Telefonzicke.
Falls ihr mit diesem Begriff, den ich gerade erfunden habe, nicht vertraut seid, eine Telefonzicke ist eine Frau, die ohne Zeitschriften, iPod, Bücher, Spiele oder sonst ein Mittel zum stillen Zeitvertreib in einen Zug einsteigt. Alles was sie hat, ist ein Handy, und sie wird es benutzen, egal wievielen Menschen sie damit am Nervenkostüm nagt.
Um hier nicht geschlechterdiskriminierend zu wirken, es gibt natürlich auch das männliche Gegenstück dazu, doch dass ist dann ein Telefonochse - ein kleiner aber durchaus feiner Unterschied, der nicht zu vernachlässigen ist.
Die Motivation der Telefonzicke ist dass unstillbare Verlangen mit Menschen (oder auch Anrufbeantwortern) zu reden. Der Telefonochse wird getrieben von dem immer wieder ausbrechenden Urinstinkt, jedem anderen Männchen (und auch den kleinen niedlichen hilflosen Weibchen) zu zeigen, dass er das prächtigste, mächtigste, potenteste und wichtigste Alphatier im Zug sei. Der Telefonochse hört sich also dann ungefähr so an "PETER? HIER IST MICHA, LASS UNS UNBEDINGT HEUTE DEN XXX DEAL ABSCHLIESSEN, EGAL OB WIR DA NOCH 10 MILLIONEN NACHSCHIESSEN MÜSSEN. DENK DRAN DIE QUALITÄT IST EINFACH WICHTIGER ALS DER PREIS! ABER DAS WOLLEN FRANK, KLAUS, MARIA UND KARL, DIE ALLE FÜR MICH ARBEITEN EINFACH NICHT KAPIEREN. WIE GUT, DASS ICH WENIGSTEN WEISS WIE DER LADEN LÄUFT UND ICH HOFFE, DASS DAS AUCH JEDER DER ZUFÄLLIG MITHÖRT JETZT BEGRIFFEN HAT."
Die Telefonzicke klingt eher wie "Hallöchen, hier ist Kathleen. Hast Du schon gehört..."
Seht Ihr? Völlig anders!
Sekunden nachdem ich mich setzte, begann die Telefonzicke zu wählen. Ich weiß nicht, ob sie ihr Telefonbuch alphabetisch abarbeiten wollte, doch irgendwann war sie bei Anrufer nummer sechs und es war kein Ende in Sicht. Ich hätte mich woanders hinsetzen können, aber ich mochte den Platz und ich leide an einer Art irrationalen Optimismus der mir sagt: "gleich ist's vorbei". Ich bin ja auch ein geduldiger Mensch, der noch ein paar Momente schnatternder Geräuschkulisse ertragen kann.
Natürlich war mir klar, dass sie für die nächsten vier Stunden nur zwei Alternativen hatte:
1. gelangweilt vor sich hin starren
2. mich zur Weissglut treiben indem sie weiterhin in ihr Telefon blabbert.
Es wurde jedoch noch schlimmer. Ein der Welt entrückter Selbstredner setzte sich neben mich. Das sind alleinreisende Männer, die ihrer Überraschung, ihrem Entzücken oder ihrer Abneigung gegenüber allem was sie gerade sehen, lautstark Ausdruck verleihen müssen (das erinnert ein wenig an eine zivilisierte Form des Tourette Syndroms). Es ist natürlich eine Einladung zur Konversation aber ich bot ihm lieber meine beste Hellen Keller Imitation und hoffte, dass der Sachse, der ihm gegenüber sitzt (und sich dank der Telefonzicke nicht auf seine Superillu konzentrieren kann), anbeisst.
Um also zusammenzufassen, Ich saß müde in einem verspäteten Zug, hatte eine Telefonzicke gegenüber, einen Selbstredner zu meiner Rechten, Eiskrem auf der Hose und ich stelle mich blind und taub.
Aber ansonsten war es eine gute Fahrt.
Labels: Twisted Mind

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